Wie alles begann – die Geschichte der Bürgerstraße 12
Ein klassizistisches Baudenkmal von 1835, berühmte Bewohner und ein Grundstückstausch mit der Stadt: Wie die Bürgerstraße 12 zur Gemeinde kam.
Wer die Bürgerstraße in Göttingen entlangfährt, dem fallen in einer markanten Straßenbiegung in Höhe der Voigtschule zwei Gebäude auf: der Neubau der Baptistenkirche und dicht daneben ein schlichtes, einst rot gestrichenes Haus, dessen klassizistische Form sich erst auf den zweiten Blick zeigt. Hinter dieser unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein Baudenkmal mit einer langen Geschichte – und die ist eng mit unserer Gemeinde verbunden.
Ein Sommerhaus von 1835
Das Gebäude wurde zwischen 1833 und 1835 für den Göttinger Rechtsprofessor Friedrich Christian Bergmann als Sommerhaus errichtet. Es entstand auf einem weitläufigen Grundstück jenseits des Stadtwalls, inmitten der Wiesen an einem von Pappeln gesäumten Pfad. Das zweigeschossige Haus über rechteckigem Grundriss weist eine für den Klassizismus typische, geschlossene Form auf. Eine Besonderheit war der große umgitterte Aussichtsbalkon – ein Belvedere, wie man es in der klassizistischen Landsitzarchitektur häufig findet.
Der Architekt ist bis heute nicht bekannt, da die Bauakten verloren gegangen sind. Gesamtkonzeption und Formelemente erinnern jedoch an Entwürfe des hannoverschen Hofbaumeisters Georg Ludwig Laves, des Schöpfers von Opernhaus und Wangenheim-Palais in Hannover. Es handelt sich also um ein Haus von beachtlichem architektonischen Niveau.
Berühmte Bewohner
Nach Bergmanns Tod 1845 wechselte das Haus mehrfach den Besitzer. Zwischen 1851 und 1855 wohnte hier der Orientalist Ernst Bertheau, nach dem heute eine Göttinger Straße benannt ist. Um 1860 zog Oberamtsrichter Georg Friedrich Schrader ein, auf den der Anbau an der Westseite zurückgeht. 1872 übernahm der weltberühmte Jurist Rudolf von Jhering das Haus und verfasste hier Teile seines rechtswissenschaftlichen Werks. Er schwärmte in Briefen von den elf Zimmern, dem schönen Garten und „der relativ besten Aussicht, die man in Göttingen haben kann“. An ihn erinnert bis heute eine Gedenktafel an der Fassade. Letzter privater Besitzer war ab 1892 der Historiker Max Lehmann.
Das Haus kommt zur Gemeinde
1980 erwarb die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Göttingen im Rahmen eines Grundstückstausches mit der Stadt die Grundstücke Bürgerstraße 12 und 14, um ein neues Gemeindezentrum zu bauen. Mit dabei war das denkmalgeschützte Wohngebäude, auch „Bergmannsche Villa“ oder schlicht „rote Villa“ genannt. Schon der Tauschvertrag hielt ausdrücklich fest, dass das Haus als Baudenkmal in der Liste der zu schützenden Objekte geführt wird. Viele in der Gemeinde entwickelten bereits Ideen für die baldige Nutzung – doch es sollte ganz anders kommen. Über Jahre wurde das rote Haus zu einer großen Herausforderung. Mehr dazu im nächsten Teil unserer Geschichte.